you can´t always get what you want Sonntag, 26.10.2008, kurz vor halb Zwei, Prater. Bei einer so familiär ablaufenden Veranstaltung („ihr Partner für positive Lauferlebnisse“) wird man sogar als Gesamtzweiundachtzigster wenn schon nicht mit Handschlag, dann immerhin noch namentlich im Ziel begrüßt: „Und wem hat die Startnummer 13 heute Glück gebracht? Es ist…“ – während der Moderator in seinen Unterlagen blättert, beende ich meinen heurigen Marathon erleichtert, dass es nun geschafft ist – „…es ist Herr Bernhard Natschläger….“
Nach einem kleinen Bier frage ich beim Verpflegungstisch im Ziel dann natürlich vergeblich.
Passt. Finito.
Gemessen an meiner Vorbereitung, Unterdistanzzeiten etc. hätt ich vielleicht mehr als 3:24 drauf gehabt. Hättiwaritati. Egal.
Hab ich nämlich heute nicht.
Und das kam so.
Rückblende
Seit ca. Mittwoch bin ich jeweils am Abend enttäuscht und überzeugt, dass ich zum zweiten mal innerhalb eines Jahres einen Marathon canceln muss. Hals tut weh, heiser, geschwollene Drüsen. Doch von Donnerstag bis Samstag wiederholt sich Folgendes: jeweils zwei Stunden nach dem Aufstehen in der Früh ist von alldem nichts mehr zu merken, den Tag hindurch bin ich fit, warum also sollte es am Sonntag anders sein? Und so wars auch. Befreites Aufatmen am Renntag in der Früh, ich bin bereit. Aufmunitioniert durch einen Trainingssommer, der in Summe wirklich Freude und spürbare Schritte nach vorn gebracht hat, einen schnellen Praterzehner, einen grenzgenialen Longjog von Tulln etc., etc. Die Vorzeichen stehen gut. Und zum Drüberstreuen genieße ich bei diesem Marathon einen Komfort, wie noch nie zuvor – Anreise mit dem PKW bis 20 Meter neben dem Start, dank Mischas Angebot Eigenverpflegung, Herz was willst du mehr.
Nachdem ich Mischa sowohl Isosafteln als auch Autoschlüssel übergeben habe, treffe ich Jean-Marie und Dirk, die gemütlich zum Start trotten, Noch während wir uns dem Startbereich nähern, geht’s auch schon los. Keine Zeit zum Plaudern, Herumstehen und Auskühlen, auch sehr fein. Und los geht’s. Der erste Kilometer ist selbst für relativ unverschämte Zielzeiten zu schnell, der zweite leider immer noch, mit dem dritten dann erreiche ich mit 4:45/km eine gemütliche Reisegeschwindigkeit, die ich mehr oder weniger automatisch fast das ganze restliche Rennen hindurch beibehalten sollte.
Überraschungen
Runde 1 ist zum Kennenlernen.
Runde 2 beschert mir immerhin die Befriedigung, nicht vom HM-Sieger überrundet zu werden.
Runde 3 hat dann dafür gleich zwei unangenehme Überraschungen.
Überraschung Nr. 1 – meine Verdauung macht ausgerechnet heute auf Mimose und begehrt nochmals ihr Recht. Keine Chance, das zu ignorieren oder meditativ wegzuatmen, also Boxenstop. Ok, das ist bei allen Vorbehalten gegenüber den sechs LCC-Runden ein klarer Punkt für den Prater als Austragungsort, ins Gebüsch kannst dort faktisch überall. Trotzdem blöd.
Überraschung Nr. 2 – so ca ab km 20 macht sich unter der linken Fußsohle ein Druck bemerkbar, der dort ganz sicher nicht hingehört. Ich hab doch allen Ernstes nach tausenden Kilometern in Berg-, Kletter- oder Laufschuhen die erste Blase meines Lebens…! Ok, ist kein Weltuntergang, außerdem kann ich das jetzt auch nicht ändern. Als mir Ulrich auf der Hauptallee im Gegenverkehrsbereich zuruft „Was is, beeil dich ein bissel…!“ kann ichs schon wieder mit Humor nehmen, für ausführliche Erklärungen fehlt sowieso die Zeit. Für eine entsprechend goscherte Antwort leider auch…
Ach ja: gegen Ende der vierten Runde genieße ich das Privileg, eine Zeitlang hinter dem Führungsauto herzulaufen. Hat was.
Der Hammer der Eintönigkeit
Ich war ja nicht ganz unvorbereitet. Zweimal hab ich Ulrich hier einen halben Marathon lang begleitet, dass das eine von den – positiv formuliert – „ganz aufs Laufen fokussierten“ Veranstaltungen ist, war mir durchaus bekannt. Keine Sehenswürdigkeiten, keine Sambashows, keine Beschallungskorridore, nur Asphalt und Kilometertafeln. Eh ok so, zumal ich zweimal pro Runde bekannte Gesichter auf der „Forumsinsel“ sehen kann.. Aber irgendwann wird’s halt doch zu einem Hamsterrad und zu einer Prüfung der Willenskraft. Spätestens in der zweiten Rennhälfte hat man hundert Meter vor oder hinter sich Niemanden, läuft also faktisch allein vor sich hin. Das hat, so meine Vermutung, eigenartige Konsequenzen: es kommt mir vor, als würde ich an einer langen Leine gehalten, die es mir unmöglich macht, „davonzurennen“. Ich kann tun, was ich will – Ideallinien suchen, subjektiv angasen, was auch immer – kaum ein Kilometer, bei dem ich merklich unter die 4:45-Grenze komme. Gut, ich komm auch kaum drüber. Die Rennanalyse mit allen möglichen Diagrammen, die man sich auf Pentek-timing ansehen kann (sehr lustiges Buben-Spielzeug übrigens), zeigt eine fast durchgehend schnürlgerade Geschwindigkeitslinie, nur auf den letzten paar Kilometern rutscht sie ein bisschen hinauf. Dem vielbeschworenen Hammermann bin ich also allem Anschein nach wieder einmal nicht über den Weg gelaufen. Oder vielleicht doch? Versteckt in der doch etwas zermürbenden Monotonie des Rundkurses? Muss ich mir noch überlegen.
Was jedenfalls unmittelbar und völlig kompromisslos zu erlernen war, war eine gewisse Demut den Umständen gegenüber: Beim Marathonlauf ist es – insofern dem Berufs- oder Privatleben nicht unähnlich – halt oft so, dass nicht alles so rennt, wie man sich das vorher ausgerechnet hat. „You can´t always get what you want“ – ein wahrer Satz der ansonsten chronisch überschätzten Stones…Bei meinen früheren Marathons war es rückblickend eigentlich immer überwiegend ein Spaß und ganz easy.. Heute muss ich mich redlich plagen. Die letzten beiden Runden werden zunehmend härter. „Scheiß dich nicht an“ höre ich in meinem inneren Ohr die Stimme meines Vaters und ich muss lachen dabei. Und recht hätt er gehabt. Denn irgendwann während dieser beiden letzten Runden laufe ich einer Frau entgegen, die einen Zwillingskinderwagen vor sich herschiebt. Ihre Wurschteln sind so ca. eineinhalb Jahre. Als ich mir noch ausmale, wie sich das bei uns daheim vor zwei Jahren abgespielt hat, sehe ich, dass die Frau schon wieder ziemlich hochschwanger ist. Jajaja, Marathonlaufen ist schon putzig und aufregend und alles. Bewundernswerte Ausdauerleistungen werden überall anders auch erbracht.
Resümee
Es ist eine eindeutige PB geworden, die mich sehr freut und auf die ich schon auch stolz bin.
Und nochmals ja, ich denke, ich kann und werde mein Ziel höher stecken. Das nächste Mal. Wenn alles passt. Und es im Ziel die Chance auf ein kleines Bier gibt